Die Nachtseite der Leinwand
 Cornelis Gysbrechts' Rückseite eines Gemäldes

Das von Cornelis Gysbrechts um 1670 gemalte Trompe-l´oeil Rückseite eines Gemäldes unterscheidet sich durch seine außergewöhnliche Schlichtheit von anderen Stücken der Trompe-l´oeil-Malerei, die im zweiten und dritten Quartal des 17. Jahrhunderts in den nördlichen Niederlanden eine Blüte erlebte (vgl. Schwertfeger, 2004, S. 1). Das Bild erscheint geradezu als Antithese zu weiten Bereichen der Stilleben-Malerei, in denen 'attraktive' Bildgegenstände ins Zentrum der Betrachtung gerückt werden. Seien es (überwiegend) appetitliche Früchte und andere Lebensmittel, glänzendes und verziertes Glas-, Porzellan- und Metallgeschirr, auf einen erfolgreichen Jäger verweisende Jagdtrophäen oder wenigstens pittoreske Gegenstände, die einen gebildeten oder weitgereisten Sammler anzeigen.

Unter Weglassung einer Attraktion im konventionellen ('sinnlichen') Sinn, wie sie insbesondere den sog. Prunkstilleben eignet, präsentiert der Maler Gysbrechts dem Betrachter hier Bildelemente des Randbereiches oder des Marginalen als sprödes Surrogat. Dem Kenner mag das Gemälde geradezu als Persiflage auf Charakteristika verschiedener Gruppen des Trompe-l´oeil-Genres erscheinen. So bildet der räumlich zurücktretende innere Holzrahmen mit dem äußeren Rahmen eine Art Nische, die durch die krumm herausstehenden Nägel alles andere als einladend wirkt. Mit den zahlreichen Jagd-Trompe-l´oeils des Malers in eine Reihe gestellt bzw. gehängt, wirkte das Bild wie ein Ausweis eines vollkommen erfolglosen Jägers, bei dem die Nägel, an die üblicherweise die Jagdbeute gehängt ist, leer bleiben.
Der in der Trompe-l´oeil-Malerei häufig anzutreffende Cartellino ist hier zum bloßen Zettel reduziert, der (zumindest auf den ersten Blick) keinerlei Auskunft gibt − weder über den Maler noch über das Herstellungsjahr oder das Thema des Bildes − wobei sich Letzteres angesichts des (vermeintlich) fehlenden Sujets eh erübrigt. Vielmehr scheint der Zettel mit seiner hochstehenden, gefalteten Ecke ironisch, fast schon höhnisch, auf das in der Illusionsmalerei prominente Vorhang-Motiv anzuspielen. Ein kümmerlicher Vorhang, der nichts weiter zu verbergen scheint als ein wenig amorphen, grauen Leinwandgrund.




Abb. 1 Cornelis Gysbrechts: Rückseite eines Gemäldes (ca. 1670), Öl auf Leinwand • Größere Abbildung

Die provozierende Leere des Bildraums lenkt die Aufmerksamkeit des Betrachters auf die wenigen, unspektakulären Details. So wirkt der Zettel1 mit Inventarnummer, als streckte der Maler dem Betrachter − augenzwinkend oder höhnisch − ein kümmerliches Surrogat des vermeintlich vorenthaltenen Gemäldes entgegen. Der Zettel als Inventarisierungsmarke steigert die Leere geradezu, erscheint er doch als grotesker Versuch der peniblen Nummerierung und Etikettierung des Nichts. Eine Ordnungsinsel im amorphen Chaos, auf der der Blick des Betrachters haftet wie der Zettel auf der Leinwand. Die rot-braunen, fast kreisrunden Siegelwachsflecken fixieren den Zettel wie das Auge des Betrachters. Deutlich sind die drei kleineren Flecken, die der Befestigung des Zettels dienen, vom größeren Fleck in der linken oberen Ecke, der durch seine Bestempelung als Siegel gekennzeichnet ist, unterschieden. Die säuberliche Beschriftung des Zettels mit der Ordinalzahl 36. wirkt rätselhaft, scheint sie doch auf eine Ordnung zu verweisen, deren Logik unbekannt ist.
Repräsentiert die Ordnungszahl lediglich eine − mehr oder weniger zufällige − Position des Gemäldes in einem Inventariersierungsvorgang − in einer größeren Werkstatt, einer Sammlung oder bei einer Auktion? Hat der Maler die Zahl wegen ihres Reizes als visuelle Gestalt ausgewählt oder trägt sie eine Bedeutung, die darüber hinausgeht? Ist sie gar der Schlüssel zur Interpretation?
Der vorliegende Text versucht, Antwort zu geben.


Die Zahl 36
Als Repräsentant einer Symbolzahl
In unserem Kulturkreis ist die Zahl 36 keine prominente Symbolzahl, wie etwa die 7, 12 oder 13. Sie steht aber mit einer anderen Zahl in Beziehung, die ihrerseits nicht nur dem Bibelkundigen als Symbolzahl bekannt ist. Es ist die Zahl 666, in der biblischen Offenbarung des Johannes die "Zahl des Tieres" und häufig als "Zahl des Antichristen" bezeichnet. Dieser Zusammenhang ist mathematischer Natur: Die Summe der Zahlen von 1 bis 36 (1 + 2 + 3 + … + 36) beträgt 666. Im Kontext des betrachteten Gemäldes verweist die Zahl 666 allerdings nicht auf das apokalyptische Endzeitgeschehen der Johannes-Offenbarung, wie im Weiteren gezeigt werden wird.



Abb. 2 Bildecke und Siegel − markante Bildpunkte verbunden (Detail)
Dass diese Zahlenbeziehung für das Bild relevant ist, belegen drei Hinweise, von denen zwei allerdings ohne Hilfsmittel nicht erkennbar sind:

Die sichtbaren Befestigungselemente, die die Rahmen bzw. die Rahmenteile zusammenhalten, lassen sich in drei Gruppen gliedern: Je zweimal drei Holznägel verbinden die linke Leiste des inneren Rahmens mit der oberen und der unteren Leiste. Ebenso verhält es sich auf der rechten Seite. Der innere Rahmen wiederum ist durch sechs Nägel im äußeren (Schmuck-?)rahmen fixiert. Es ergeben sich also drei Gruppen mit jeweils sechs Befestigungselementen: 6 - 6 - 6

Die Höhe des Gemäldes wird von den meisten Quellen mit 66,4 cm angegeben.2 Da Holz mit der Zeit schwindet, die Rahmenhölzer also kürzer werden, kann eine ursprünglich vom Künstler angelegte Höhe von 66,6 cm vermutet werden.

Das fast kreisrunde Siegel stellt einen durch Farbe und Form deutlich hervorgehobenen Bildpunkt dar. Verbindet man das Zentrum des Siegels durch eine Linie mit der linken unteren Bildecke, ergibt sich ein Winkel zur Waagerechten von 66,6 Grad.


Als finale Inventarnummer
Zerlegt man das Gemälde in seine Bildelemente, ergibt sich ein Inventar mit 36 Teilen:

  1 Leinwand
  4 Hölzer des äußeren Rahmens
  4 Hölzer des inneren Rahmens
  1 Zettel
12 Holznägel
  6 Metallnägel
  4 Siegelwachstropfen
  2 Zahlzeichen
  1 Ordinalzahl-Punkt
  1 Punkt in der rechten oberen Zettelecke
___________________________________________________________________________________________________________________________________________
36 Bildelemente

Die Entscheidung, den unscheinbaren kleinen Punkt in der Ecke des Zettels als eigenständiges Bildelement aufzufassen, erscheint zunächst gesucht. Ich hoffe, im Zusammenhang der Betrachtung der Winkelbeziehungen markanter Bildpunkte zur linken unteren Bildecke im Weiteren Plausibilität zu erreichen.




Abb. 3 Das Gemälde als Inventar mit 36 Elementen


Das Problem der Reihenfolge
Um Unsicherheiten in der Reihenfolge der Nummerierung der Elemente auszuschließen, hat der Maler Hinweise dort versteckt, wo es mehrere Möglichkeiten gibt. Neben der pragmatisch orientierten Grundüberlegung, vom Bedeutsameren zum weniger Bedeutsamen voranzuschreiten (1. Regel), lassen sich so weitere Regeln ableiten.

Es erscheint naheliegend, die Leinwand als erstes Element der Zählung anzusetzen, schließlich ist es der flächenmäßig größte und unbestreitbar bedeutsamste Teil des Gemäldeobjektes. Zudem nimmt die Leinwand das Bildzentrum ein.



Abb. 4 Rechtes, inneres Rahmenholz, Dreiteilung
(a = b = c)
Ebenso naheliegend erscheint, mit einem der waagerechten Hölzer des inneren Rahmens fortzufahren, schließlich trägt dieser Rahmen die Leinwand. Da die beiden waagerechten Hölzer des äußeren Rahmens aber augenscheinlich gleich groß sind, ergibt sich bereits hier das Problem der Reihenfolge. Das untere Rahmenholz erhält den Vorzug, weil die zwei dunklen Fixierungssnägel durch die Beleuchtung und den helleren Ton des Holzes viel deutlicher hervortreten als beim oberen Rahmenholz, bei dem die Fixierungsnägel im Schlagschatten zurücktreten.

Den Hinweis auf das als drittes Element zu betrachtende Rahmenteil gibt der Nagel auf der rechten Bildseite, der durch seine Position deutlich aus der symetrischen Ordnung der übrigen Rahmenhölzer und Befestigungselemente herausfällt: Während diese symetrisch zur senkrechten und waagrechten Mittelachse des Bildes angeordnet sind, befindet sich der rechte Nagel deutlich unterhalb der vertikalen Mitte. Zudem ist eine Dreiteilung des rechten Holzes des inneren Rahmens angelegt (siehe Abb. links).

Als viertes Element bietet sich das linke vertikale Rahmenholz an, bei dem der Nagel die Mitte einer achssymetrischen Vierteilung markiert, bei der die untere Zweiteilung durch die spitzwinklige Dreiecksform der Leinwandfaser angezeigt wird, während sie die obere Zweiteilung sich aus der Verlängerung der Unterkante des Zettels ergibt.

Das obere äußere Rahmenholz weist dagegen eine regelmäßige Fünfteilung auf (siehe Abb. unten).

Als sechstes Element bietet sich die linke Leiste des äußeren Rahmens an: Die schwarzen Farbspuren im mittleren Bereich der Leistenvorderseite deuten den rechten Rand einer nachlässig hingepinselten Ziffer Sechs an. Ähnlich wie sich aus dem schrägen, geradlinigen schwarzen Pinselstrich im oberen Bereich des rechten äußeren Rahmenholzes und den schwarzen Waagerechten der Fugenlinie und dem darüberliegenden Pinselstrich die Ziffer Sieben konstruieren lässt.

Diese Markierungsart fortsetzend, finden sich auf dem unteren Rahmenholz schwarze Pinselstriche, die als Andeutung des Randes einer liegenden Acht durchgehen könnten. Dieser Eindruck wird verstärkt durch die zwei flachen Bögen, die der umgeschlagene Leinwandrand hinter den beiden unteren Nägeln bildet.




Abb. 5 Fünfteilung des oberen, inneren Rahmenholzes (die Strecken a bis e sind gleich lang)




Abb. 6 Vierteilung des linken inneren Rahmen-
holzes (a1 = a2, b1 = b2)
Auf dem oberen Rahmenholz schließlich finden sich Pinselstriche, die den unteren Teil einer Neun anzudeuten scheinen.
Es mag in diesem Zusammenhang erhellend sein, zu wissen, dass ein Handwerker üblicherweise die einzelnen Teile eines Rahmens markiert, um Verwechslungen bei der Bearbeitung und beim Zusammenbau der Rahmenhölzer auszuschließen. Ein Handwerker allerdings würde die inneren Rahmenteile in anderer Reihenfolge nummerieren. Er würde mit dem oberen waagerechten Rahmenteil ("Kopfstück") beginnen und mit dem baugleichen unteren Rahmenteil fortsetzen (Zapfenstücke). Nummer drei und vier wären dann die beiden, ebenfalls baugleichen, aufrechten Rahmenteile (Schlitzstücke).

Die Nummerierungs-Reihenfolge der Rahmenteile des inneren Rahmens ergibt sich im Gemälde erst nachträglich durch die Positionierung der Befestigungsnägel, wurde also möglicherweise von einer anderen Person als dem Rahmenbauer gewählt. Ebenso ist die Markierung der äußeren Rahmenteile durch die Pinselstriche erst nachträglich vorgenommen worden. Ein Handwerker hätte die Markierung nämlich vor dem Aufbringen der weißen Lasierung angebracht. Man kann also in beiden Fällen den fiktiven Maler, der die Vorderseite des Gemäldes gestaltet hat, als wahrscheinlichen Urheber der Markierungen annehmen.

Diese Vermutung legt nahe, dass die Markierungs-Reihenfolgen der Rahmenteile nicht Produktionsabläufen bei der Herstellung geschuldet sind, sondern dass der Maler (der fiktive Maler weist hier auf den realen Maler) ihnen eine Bedeutung im Zusammenhang der Bildsemantik verleihen wollte. Es stellt sich daher die Frage, welchem Muster/Vorbild die Nummerierungs-Reihenfolge des inneren Rahmens folgt.

Reihenfolge der Rahmenteil-Nummerierung

3 1 4
 
2
3 4 2
 
1
3 4 2
 
1
1 Fundament
2, 3 Wände
4 Dach
Rahmenbau (Tischler) Rahmen des Gemäldes (innen) Vorbild Hausbau

Die Reihenfolge stimmt mit der überein, in der man beim Bau eines Hauses die einzelnen Segmente − Fundament, Seitenwände, Dach − errichten würde.



Zählung der Kleinteile
Bei der nun anstehenden Numerierung der Kleinteile stellt sich das Problem der Reihenfolge forciert. Soll man nach der Größe ordnen? Dann käme der Zettel als nächstes. Oder soll man die für die Funktion des Rahmens unverzichtbaren Teile (Holz- und Metallnägel) vor den 'Zusatzteilen' (Zettel mit Details) platzieren? Ist der Zettel überhaupt als Teil des Gemäldeobjekts zu betrachten?

Zählte man nur Leinwand, Rahmenteile und Befestigungselemente, käme man auf lediglich 27 Elemente. (Oder allenfalls auf 29, wenn man noch die Grundierung der Leinwand und die schwarze Farbe hinzunimmt.) Die Ordnungszahl 36 auf dem Zettel ergibt nur dann Sinn als Schlüssel, wenn man den Zettel und seine Details als Elemente des Inventars mitzählt.

Glücklicherweise hat der Maler auch für die Zählung der Kleinteile Hinweise angelegt.



Abb. 7 Holznagel mit Zahl-16-Markierung
Einer der Holznägel in der linken unteren Ecke ist mit einer geschwungenen Faser der Leinwand verbunden, woraus sich die Form einer gespiegelten Sechs ergibt. Links von dieser Figur ist im Schatten eine dunkle vertikale Linie zu sehen, die als die Zahl Eins interpretiert werden kann, sodass sich in der Kombination die Zahl 16 bilden lässt.

Rechts neben der linken unteren Rahmenecke lässt sich mithilfe der Stoßkante der Rahmenhölzer und der Nagelspitze als Eckpunkt ein Quadrat konstruieren, das exakt die Seitenlänge von vier Zentimetern aufweist, woraus sich ein Flächeninhalt des Quadrates von 16 cm² ergibt.

Zählt man nun also diesen Holznagel als 16. Element, und bewegt sich, die Holznägel rückwärts zählend, entgegen dem Uhrzeigersinn, so ergibt sich der Holznagel in der rechten oberen Ecke als zehntes Element (siehe Abb. 3).

Das ist just die Nummer, die man diesem Element auch zuweisen würde, wenn man nach der Zählung der Rahmenteile mit der Zählung der Holznägel fortsetzt und dabei in 12-Uhr-Position beginnend im Uhrzeigersinn fortschreitend mit der Rahmenecke rechts oben beginnt.

Bevor ich mit der Erläuterung der Zählung der restlichen Kleinteile fortfahre, wende ich mich zunächst der Interpretation dieses besonders markierten 16. Elementes zu.


Interpretation der Be-Zifferung
Ausgangspunkt der folgenden Interpretation der Be-Zifferung der Bildelemente als einer Attribuierung derselben ist die abweichende Numerierung der Rahmenteile des inneren Rahmens, die dem Muster der Errichtung eines Gebäudes folgt statt der im professionellen Rahmenbau üblichen Reihenfolge.

Die in der westlichen Welt wohl prominenteste Errichtung eines Gebäudes dürfte nach den ägyptischen Pyramiden im Tal der Könige wohl der Bau des Salomonischen Tempels (um 957 v. Chr.) in Jersualem gewesen sein. Die Bibel berichtet ausführlich und mit vielen Details vom Bau und der Ausstattung des ersten festen jüdischen Gotteshauses (1 Kön 5,15−6,38 und 2 Chr 1−7).
In den Chronikbüchern ist zu lesen, dass König David den Tempelbau bis in alle Einzelheiten vorbereitet, von der Beschaffung der Baumaterialien bis hin zu den genauen Gewichtsangaben der goldenen Leuchter, Gabeln, Schalen und Kannen (1Chr 28,15−17).
Durch den Propheten Nathan wird David verheißen, dass sein Sohn zu Ehren Gottes einen Tempel bauen wird (2. Sam 7,1−29). Dieser Tempelbau markiert den Übergang vom Nomadentum zur Sesshaftigkeit der Israeliten nach dem Auszug aus Ägypten:

"5 Geh zu meinem Knecht David und sag zu ihm: So spricht der Herr: Du willst mir ein Haus bauen, damit ich darin wohne? 6 Seit dem Tag, als ich die Israeliten aus Ägypten heraufgeführt habe, habe ich bis heute nie in einem Haus gewohnt, sondern bin in einer Zeltwohnung umhergezogen. 7 Habe ich in der Zeit, als ich bei den Israeliten von Ort zu Ort zog, jemals zu einem der Richter Israels, die ich als Hirten über mein Volk Israel eingesetzt hatte, ein Wort gesagt und sie gefragt: Warum habt ihr mir kein Haus aus Zedernholz gebaut?2 8 Sag also jetzt meinem Knecht David: So spricht der Herr der Heere: Ich habe dich von der Weide und von der Herde weggeholt, damit du Fürst über mein Volk Israel wirst, 9 und ich bin überall mit dir gewesen, wohin du auch gegangen bist. Ich habe alle deine Feinde vor deinen Augen vernichtet und ich will dir einen großen Namen machen, der dem Namen der Großen auf der Erde gleich ist. 10 Ich will meinem Volk Israel einen Platz zuweisen und es einpflanzen, damit es an seinem Ort (sicher) wohnen kann und sich nicht mehr ängstigen muss und schlechte Menschen es nicht mehr unterdrücken wie früher 11 und auch von dem Tag an, an dem ich Richter in meinem Volk Israel eingesetzt habe. Ich verschaffe dir Ruhe vor allen deinen Feinden. Nun verkündet dir der Herr, dass der Herr dir ein Haus bauen wird. 12 Wenn deine Tage erfüllt sind und du dich zu deinen Vätern legst, werde ich deinen leiblichen Sohn als deinen Nachfolger einsetzen und seinem Königtum Bestand verleihen. 13 Er wird für meinen Namen ein Haus bauen und ich werde seinem Königsthron ewigen Bestand verleihen." (2. Sam 7, 5−13)



Die Nachfolge König Davids
Die genealogische Liste im Lukas-Evangelium (3,23−38) zählt König David als Nachfahren Adams in der 35. Generation. Über seinen Nachfolger in der 36. Generation gibt es unterschiedliche Angaben. Während das Matthäus-Evangelium Salomo nennt (Mt 1,1−17), gibt das Lukas-Evangelium Natan an.


 Genealogische Liste im Lukas-Evangelium (3,23−38)
23 Jesus war etwa dreißig Jahre alt, als er zum ersten Mal öffentlich auftrat. 
Man hielt ihn für den Sohn Josefs. Die Vorfahren Josefs waren: Eli,
 24  Mattat, Levi, Melchi, Jannai, Josef,
 25  Mattitja, Amos, Nahum, Hesli, Naggai,
 26  Mahat, Mattitja, Schimi, Josech, Joda,
 27  Johanan, Resa, Serubbabel, Schealtiël, Neri,
 28  Melchi, Addi, Kosam, Elmadam, Er,
 29  Joschua, Eliëser, Jorim, Mattat, Levi,
 30  Simeon, Juda, Josef, Jonam, Eljakim,
31   
Melea,
 
Menna,
 
Mattata,
36
Natan,
35
David,
32  34
Isai,
33
Obed,
32
Boas,
31
Salmon,
30
Nachschon,
33  29
Amminadab,
28
Admin,
27
Arni,
26
Hezron,
25
Perez,
24
Juda,
34  23
Jakob,
22
Isaak,
21
Abraham,
20
Terach,
19
Nahor,
35  18
Serug,
17
Regu,
16
Peleg,
15
Eber,
14
Schelach,
36  13
Kenan,
12
Arpachschad,
11
Sem,
10
Noach,
9
Lamech,
37  8
Metuschelach,
7
Henoch,
6
Jered,
5
Mahalalel,
4
Kenan,
38  3
Enosch,
2
Set,
1
Adam;
(der stammte von) Gott.
[Text nach der Einheitsübersetzung, Kath. Bibelanstalt Stuttgart, 1980]

Auch zu den Nachkommen des Königs David gibt es in der Bibel widersprüchliche Angaben. Das zweite Buch Samuel nennt im dritten Kapitel lediglich sechs Söhne: Amnon, Chileab, Absalom, Adonia, Sephatja und Jethream (2.Sam 3,1−5). Das erste Buch der Chronik dagegen nennt im dritten Kapitel Amnon, Daniel, Abschalom, Adonija, Schefatja und Jitream sowie vier in Jersusalem geborene − Schima, Schobab, Natan, Salomo − und neun weitere (Jibhar, Elischua, Elifelet, Nogah, Nefeg, Jafia, Elischama, Eljada und Elifelet). Also insgesamt 19, wobei die Söhne der Nebenfrauen nicht mitgezählt seien (1.Chr 3,1−9).

Nur wenige der Söhne spielen − über die bloße Nennung hinaus − eine Rolle in den biblischen Geschichten. Über den Erstgeborenen (Amnon?) etwa erfahren wir lediglich, dass er sieben Tage nach der Geburt gestorben sei (2. Sam 12, 13−23).




Die Wurzel Jesse



Abb. 8 Wurzel Jesse. Donaueschinger Sakramentar, Straßburg um 1260, Buchmalerei • Größere Abbildung




Abb. 9 Der Punkt, an dem sich die Verlängerung des 'Sprosses' und die innere Rahmenkante kreuzen, bildet die Drehachse der Verbindungslinie zw. Element 16 und dem Siegel (Detail)
Die Wurzel Jesse oder der Jessebaum ist ein Motiv der christlichen Kunst, das die väterliche Abstammungslinie von Jesse (i.e. Isai), dem Vater König Davids, bis zu Jesus durch einen Baum darstellt. Der Baum entspringt der Körpermitte des liegend dargestellten Isai und zeigt im Zentrum kreisförmig eingedrehter Äste eine unterschiedliche Anzahl seiner Nachfahren, darunter König David und König Salomo. Im Bildzentrum oder im oberen Bereich ist häufig Maria mit dem Jesusknaben abgebildet.

Das Motiv findet sich u.a. auf Kirchenfenstern und in Buchmalereien und geht auf eine Stelle im Buch Jesaja zurück (Jes 11,1-10), in der ein messianischer König verheißen wird, der gerechte Urteile fällt und das Reich einigt. Im ersten Psalm heißt es: "Doch aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht." Etwas weiter ist von einem "Spross aus der Wurzel Isais" die Rede (10. Psalm).3

In Gysbrechts' Gemälde bildet die hervorstehende, ausgefranste Leinwandkante im linken unteren Bereich eine herausstehende Spitze und in der linken unteren Ecke scheint eine abstehende, lange Faser sich um den Holznagel (Inventar-Nr. 16) zu schmiegen. Die Spitze hatte schon bei der Vierteilung des Rahmenholzes als Markerung gedient (siehe Abb. 6). Verbindet man nun das Zentrum der kreisförmigen Holznageloberseite und die Verlängerung der sprossförmigen Spitze dort, wo sie die senkrechte Rahmenholz-Innenkante schneidet, durch eine Linie und verlängert diese nach oben, so gelangt man exakt ins Zentrum des Siegels (Abb. 9).
Wie oben gezeigt wurde (Abb. 2) ist das Siegel durch eine von der unteren linken Bildecke ausgehende Linie im 66,6-Grad-Winkel mit der dreifachen Sechs attribuiert. Die dreifache Sechs kann das Siegel Salomos repräsentieren, weil diese Figur 6 Ecken, 6 Dreiecke und ein Sechseck im Zentrum aufweist.



Eigenschaften des Siegels Salomos: 6 Ecken, 6-Eck im Zentrum, 6 Dreiecke

Der Maler folgt also der im Matthäus-Evangelium angegebenen Generationenfolge, in der Salomo der Nachfolger Davids und damit der Repräsentant der 36. Generation ist. Passenderweise begegnet uns hier wiederum die Zahlenfolge 1 - 6, denn Salomo als Nachfolger Davids wird im ersten Kapitel, Vers sechs des Matthäus-Evangeliums angegeben (Matth 1,6). Die auf die Errichtung eines Gebäudes verweisende Numerierungs-Reihenfolge des inneren Gemälderahmens meint somit das David verheißene und von Salomo errichtete erste feste Gotteshaus der Israeliten − den Salomonischen Tempel.

Übrigens ist König Salomo auch mit der − mit der Zahl 36 korrespondierenden − Zahl 666 verbunden. Im Alten Testament wird im ersten Buch der Könige und im zweiten Buch der Chronik über den Reichtum des Herrschers berichtet: "Und das Gewicht des Goldes, das bei Salomo in einem einzigen Jahr einging, betrug 666 Talente Gold" (1 Kön 10,14; Eberfelder Bibel).

Im antiken jüdischen oder christlich-gnostischen Buch "Testament Salomos", das zwischen dem ersten vorchristlichen und dem dritten nachchristlichen Jahrhundert verfasst worden sein soll (vgl. von Stuckrad, S. 395), und den Tempelbau Salomos zum Thema hat, wird der König als Magier dargestellt, der mithilfe seines magischen Siegelringes eine Vielzahl von Dämonen unter seine Kontrolle bringt und zur Mitarbeit an der Errrichtung des Tempels verpflichtet. Im 18. Kapitel des Buches wird die Anzahl dieser Dämonen mit 36 angegeben (Duling, zit.n. von Stuckrad, S. 398):

"(18, 41) When I, Solomon, heard these things, I glorified the God of heaven and earth and I ordered them to bear water; (42) Then I prayed to God that the thirty-six demons who continually plague humanity go to the Temple of God."

Ob allerdings der Maler Gysbrechts das Testament Salomos oder jüdische Legenden, die ebenfalls von einer Beteiligung der Dämonen am Tempelbau erzählen, kannte, lässt sich kaum entscheiden.

Klar erscheint dagegen, dass für die Motivierung der aufwändigen Verschlüsselung im Gemälde und Plausibiliserung der These versteckter Information mehr als die bloße Benennung Salomos als Nachfahre Davids und als Erbauer des ersten Tempels erforderlich ist. Denn diese Zusammenhänge sind Teil der kanonischen christlichen Überlieferung, also im Umfeld christlicher Kultur, in der Gybrechts sich bewegte, kaum als anrüchig oder als Geheimwissen einzustufen.



Die Nachtseite des Gemäldes

Denkt man die, üblicherweise im Dunkel liegende, Rückseite eines Gemäldes als Gegenstück zur (tages-)lichtbeschienenen Vorderseite, bildet das Motiv der Nacht ein plausibles Thema für die Inszenierung dieser Rückseite.

Auf Gysbrechts Gemälde erscheinen um das dunkelgraue Firmament der grundierten Leinwand herum vier Dreiergruppen weißer Kreise der Holznagel-Oberseiten, die an zwölf Vollmonde eines Jahres erinnern und in den vier Rahmenecken zu jeweils einer Jahreszeit versammelt sind. Die Metallnägel mit den mehr oder weniger hellen Glanzlichtern auf ihren Köpfen geben die Sterne ab.

Auch der in Abbildung 2 aufgezeigte 66,6°-Winkel zwischen linker unterer Bildecke und dem Zentrum des Siegels passt ins Bild, denn dies ist exakt der Winkel, um den die Erdachse gegenüber der mittleren Bahnebene der Erde geneigt ist. Diese Neigung ist für die unterschiedlichen Licht- und Wärmeverhältnisse der Jahreszeiten und damit für die Vegetationszyklen verantwortlich.

Der Zettel mit seinen vier − durch die Wachsflecken betonten − Ecken nimmt das Thema Jahr(eszeiten) auf, indem er die Hunderter- und Zehnerstelle der Tageanzahl eines Jahres verzeichnet ('36_ Tage'). Striche man den (vermeintlichen?) Inventarnummer-Zettel glatt, sodass er wieder seine ursprüngliche Rechteckform annimmt, entpuppte sich der (vermeintliche?) Ordinalzahlenpunkt hinter der Ziffer Sechs möglicherweise als Unterstrich und somit als Platzhalter einer zu ergänzenden Einerstellen-Ziffer. Betrachtet man die rechte untere Ecke des Zettels mit ihrer Knickkante als Anspielung auf eine Ziffer, lässt sich der nun dreistellig gedachten Zahl auch eine konkrete Einerstelle zugesellen. Es ist allerdings nicht die, vom zeitgenössischen westlichen Betrachter erwartete, Ziffer Fünf, mit der die Zahl auf dem Zettel die Jahreslänge unseres greorianischen Kalenders angeben würde.



Abb. 10 Der Zettel als 'Kalender-Blatt'
Vielmehr lässt sich aus der schrägen Konturlinie des Zettelknicks und den beiden Schattenlinien der hochstehenden rechten unteren Ecke des Zettels die Ziffer Vier konstruieren.

Zwar mag zur Schaffenszeit Gysbrechts unser heutiger, gregorianischer Kalender mit seinen 365 Tagen noch nicht überall im Einflussbereich der Westkirche in Gebrauch gewesen sein, doch auch sein Vorgänger, der julianische Kalender, zählt 365 Tage. Eine kulturelle Minderheit im Europa der Frühen Neuzeit allerdings verwendete − zumindest zur Bestimmung der religiö- sen Festtage und so ihre Mitglieder den Traditionen treu geblieben waren − andere Kalender- zählungen.




Ein jüdischer Kalender

Der heute am Weitesten verbreitete jüdische Kalender dürfte der moderne rabbinische sein. Er zählt ein Normaljahr mit 12 Mondmonaten (ordentlich 354 Tage lang) und Schaltjahre mit 13 Mondmonaten (ordentlich 384 Tage lang). In der langen Geschichte jüdischer Kalenderzählung indes existierte eine Vielzahl von unterschiedlichen Kalendersystemen, die in den letzten Jahrzehnten zunehmend in den Fokus wissenschaftlicher Betrachtung gerückt sind.

Das Buch der Jubiläen, eine apokryphe Schrift im Umfeld des Alten Testaments, dessen Entstehung Sacha Stern, Professor für Rabbinischen Judaismus am University College London, auf das zweite Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung datiert (vgl. Stern, S. 10) überliefert einen Kalender mit 364 Tagen. In seiner Monografie Calendar and Community: A History of the Jewish Calendar (Oxford Press, 2001) erläutert Stern die Struktur dieses Kalenders:

"According to Jubilees, the calendar consists of a 364-day year (6: 32), i.e. exactly 52 weeks (6: 30), which are divided into 4 periods of 13 weeks each (6: 29). The year is also divided into 12 month; the first day of the 1st, 4th, 7th, and 10th months are called 'days of remembrance' (6: 23), and begin each of the 4 parts or seasons of the year (6: 23, 29); they were ordinated by Noah as feasts (6: 24, 28)." (S. 10)

Ordnet man die vier Tage der Erinnerung bzw. die Jahreszeiten-Anfänge den vier Ecken des Zettels zu, indem man sie in 12-Uhr-Position beginend und mit dem Uhrzeigersinn fortschreitend jeweils einer Ecke zuweist, ergibt sich nicht nur eine Übereinstimmung der die



Abb. 11: Zettelecken als Tage der Erinnerung und Jahreszeiten-Anfänge
Ziffer Vier darstellenden hochstehenden Ecke unten rechts mit dem Sommeranfang (Beginn des 4. Monats). Auch scheint die unterschiedliche Ausformung der Wachsflecken mit den jeweiligen Jahrezeiten-Gegebenheiten zu korrespondieren:

Der Punkt in der rechten oberen Ecke des Zettels könnte einen Sprößling darstellen, der gerade die Ackerkrume durchstoßen hat. Die hochstehende rechte untere Ecke könnte eine in der Sommerhitze aufgeklappte Zeltbahn darstellen. Der Wachsfleck in der linken unteren Ecke deutet eine Sichelform an; die Sichel als Werzeug der herbstlichen Ernte. Der Siegelwachstropfen oben links schließlich könnte für die winterlich versiegelte Natur stehen.

Die Jahreszeiten-Zeichen entsprechen der gemäßigten Klimazone, in der Gybrechts lebte, nicht den klimatischen Verhältnissen und Wachstumszyklen der Herkunftsregion des Kalenders (Naher Osten).

Da der 364-Tage-Kalender kürzer ist als das tropische Jahr mit 365,24 Tagen, ergibt sich das Problem der Verschiebung der Kalenderzählung gegenüber den Jahreszeiten und den mit ihnen korrespondierenden religiösen Festen. Der Autor des Buches der Jubiläen wendet sich gegen die Einschaltung (Interkalation) zum Ausgleich dieser Diskrepanz. Gysbrechts dagegen folgt hier einer anderen Regel, wie weiter unten gezeigt wird.





Abb. 12: 13. Mond
Die Ziffer Sechs fungiert hier als Spiralform, die einen Mond darstellt, der wiederum einen Monat repräsentiert.

36. Element   6× "6"
oberer 18-Grad-Winkel   3× "6"
unterer 18-Grad-Winkel     3× "6"
______________________________________________________________________________________________________
Summe 12× "6"



Die Wochentage und ihre Planeten

Die Metallnägel zähle ich, in 12-Uhr-Position beginnend, im Uhrzeigersinn.



Abb. : Nagel oben rechts


Abb. : Nagel Mitte rechts
Mon(d)tag
Der Kopf des Nagels oben rechts (Abb. ) ist in zwei etwa gleichgroße Teile geteilt − einen hellen und einen dunklen, was auf das Oszillieren der Erscheinung des Mondes zwischen Helligkeit und Dunkelheit verweist. Die Neigung des Nagels von etwa 6,7 Grad entspricht der Neigung der Mondachse.

Dienstag
Der Dienstag ist dem Planeten Mars zugeordnet. Der Nagel rechts in der Mitte (Abb. ) ähnelt mit seiner im 45-Grad-Winkel aufsteigenden Ausrichtung dem astronomischen Zeichen für den Planeten, das Schild und Speer des Kriegsgottes Mars darstellt.




Abb. : Nagel unten rechts
Mittwoch
Der Mittwoch ist dem Gott Merkur zugeordnet. Merkur wird häufig als junger Mann mit geflügeltem Helm oder Flügeln, die aus seinem Kopf wachsen, dargestellt. Auch das astrologische Zeichen des Planeten Merkur stellt den Flügelhelm dar.




Abb. : Nagel unten links
Donnerstag
Der Nagel unten links ist durch den zu beiden Seiten hervorstehenden, flügelförmigen Leinwandrand atttribuiert. Hier wird der Adler des Jupiter dargestellt, ein Helfertier, das die Blitze des Gottes Jupiter zu seinen Gegnern trägt. Zudem weist der Nagel auf das 4 cm × 4 cm-Quadrat (vgl. Abb. 7). Dazu passend existiert ein Magisches Quadrat, bei dem sich jeweils vier Zahlen an den Kanten reihen, das als Siegel des Jupiter5 bezeichnet wird.


Freitag
Die Attribuierung des mittig links positionierten Nagels, der den fünften Wochentag, Freitag (lat. dies Veneris), und den ihm zugeordneten Planeten Venus repräsentiert, ist etwas komplexer, was dem besonderen Interesse des Künstlers für diesen Planeten entspricht, wie ich an anderer Stelle zeigen werde.
Die Venus wird häufig (etwa auf Amuletten) mit dem Pentagramm verbunden, was mit den Bahnen von Venus und Erde zusammenhängt: Innerhalb von 8 Umläufen der Erde um die Sonne legt die Venus 13 Sonnenumläufe zurück. In diesem Zeitraum kommen sich Erde und Venus fünfmal besonders nahe (Konjunktion). Nimmt man die Erdbahn als Kreis an, so lassen sich die Konjunktionen als fünf equidistante Punkte auf den Kreisumfang zeichnen. Verbindet man die Punkte, erhält man ein Pentagramm. Der Innenwinkel einer Pentagramm-Spitze beträgt 36 Grad.



Abb. : Nagel mittig links


Abb. : Pentagramm-Spitze in Beziehung zum Nagel




Abb.
Samstag
Dem Samstag (engl. Saturday) sind der Planet Saturn und das Tierkreiszeichen Steinbock zugeordnet. In der Astrologie wird der Steinbock als "Herrscher" des Zeichens Saturn bezeichnet.

Die Ziffer Drei auf dem Zettel ähnelt dem astrologischen Zeichen für den Steinbock. Zieht man eine senkrechte Linie vom Zentrum der Kreisform der Ziffer nach oben, so gelangt man exakt zum Glanzlicht des linken oberen Nagels.

Das astrologische Zeichen des Sternbildes Steinbock stellt den Ziegenfisch des älteren babylonischen Tierkreises dar. Der obere bzw. vordere Teil zeigt das Gehörn der Ziege, der untere bzw. hintere Teil den Schwanz eines Fisches.




Astrologisches
Steinbock-Zeichen


Sonntag



Astrologisches
Sonnenzeichen
Der Sonntag ist, wie der Wochentagsname schon sagt, astrologisch der Sonne zugeordnet. Da im Bild kein weiterer Metall- nagel zur Verfügung steht, der den siebten Wochentag und das Zentralgestirn repräsentieren könnte, liegt es nahe, sich an die neben der Ziffer Drei liegende Ziffer Sechs zu halten. Das astrologische Zeichen für die Sonne ist ein Kreis mit einem runden Punkt in der Mitte. Die Sechs auf dem Zettel ist aus zwei verschieden großen Kreisbögen konstruiert, die sich zu vollständigen Kreisen ergänzen ließen. Allerdings befindet sich im Zentrum keines der aus den Kreisbögen konstruierbaren Kreise ein Punkt.



Abb. Konstruktion des Sonnenzeichens
Die Konstruktion des astrologischen Sonnenzeichens aus der Verlängerung des größeren Kreisbogens der Ziffer Sechs und der Verschiebung des kleinen Punktes in der rechten oberen Zettelecke (Abb. ) erscheint zunächst gesucht. Schließlich ließe sich ebensogut der (größere) Ordinalpunkt hinter der Sechs zur Konstruktion heranziehen. Im Zusammen- hang mit einer zweiten astrologischen Sonnen-Repräsentation im Bild wird sich aber ein weiterführender Aspekt ergeben.

Aus den beiden kreisrunden Holznagel-Oberseiten in der linken unteren Rahmenecke in Kombination mit der geschwungenen Leindwandfaser, die sich an den äußersten Holzna- gel anzuschmiegen scheint, lässt sich das astrologische Zeichen des Tierkreis-Sternbildes Löwe konstruieren (Abb. ). Dieses Tierkreiszeichen ist − als kraftvollstes Zeichen des Elements Feuer − dem Sonnen-Gestirn zugeordnet.



Abb. Konstruktion des astrologischen Zeichens Löwe
Im Gegensatz zu den anderen Wochentags/Planeten/Tierkreiszeichen-Repräsenta- tionen sind die beiden Sonnen-Repräsentationen (Abb. XX und XY) in weit von einander entfernten Bildbereichen platziert. Sie sind jedoch durch eine besondere Linie verbunden:
Verlängert man nämlich die vom rechten oberen Zettelpunkt ausgehende, dann durch das Zentrum des Sonnen-Kreises verlaufende Linie (die gestrichelte Linie in Abb. XX) nach unten, so trifft diese auf das Zentrum des dritten Holznagelkopfes der linken



Astrologisches
Zeichen des Löwen
unteren Rahmenecke (Abb. XX). Die lange Strecke (zwischen dem Zettelpunkt und dem Zentrum des Holznagels) AC lässt sich durch wiederholtes Aneinanderlegen der kurzen Strecke AB (zwischen Zettelpunkt und Zentrum des Sonnenkreises) in 16 gleichlange Abschnitte gliedern (Abb. XX).
Mit anderen Worten: Die Teilstrecke AB passt genau 16-mal in die Gesamtstrecke AC.




Abb.
Die Equinox-Regel

Im Laufe der Geschichte der jüdischen Kalenderzählung wurden unterschiedliche Verfahren, die Synchronisation von Kalenderzählung und Jahreszeiten bzw. religiösen Festterminen zu bewerkstelligen, vorgeschlagen. So etwa die Einschaltung eines dreizehnten Monats in regelmäßigen Abständen nach bestimmten Zyklen (am bekanntesten dürfte der Meton-Zyklus mit 19 Jahren sein, wobei das 3., 6., 8., 11., 14., 17. und 19. Jahr Schaltjahre sind.).

Eine andere Möglichkeit stellt die sog. Equinox-Regel dar. Auf der Webseite Torahcalendar.com wird die Equinox-Regel folgendermaßen erklärt:

"This rule is called the rule of the equinox, and it always places Day 15 of Month 1 on or after the Hebrew Day of the spring equinox. If at the moment of sunset at the end of Month 12, on the evening of the first crescent moon at Jerusalem, there are 15 Hebrew Days or less until the spring equinox, then Month 1 is declared. If there are 16 Hebrew Days or more until the spring equinox, then Month 13 is declared. The spring equinox will always occur on or between Day 16 of Month 12 in a Spiritual Regular Year, and Day 15 of Month 1 in the year following. The spring equinox will always occur on or between Day 16 of Month 13 in a Spiritual Leap Year [Schaltjahr], and Day 15 of Month 1 in the year following."


Zum Zeitpunkt der Tagundnachtgleiche (Äquinox) überquert die Sonne den Himmelsäquator (Abb. XX). Das Frühlings-Äquinox (Frühlingspunkt) um den 21. März (des Gregorianischen Kalenders) stellt den 'Eichpunkt' des jüdischen Kalenders dar.

Interpretiert man die Strecke AC in Abb. XX als Sonnenbahn, die Innenkante des senkrechten Rahmenholzes als Himmelsäquator und die 16-Teilung der Strecke als Tageszählung, dann quert die Sonne am 15. Tag den Himmelsäquator. Wie in der rabbinischen Äquinox-Regel angegeben, ist hier also Tag 15 auf dem Äquinox-Zeitpunkt plaziert. Das stellt den Idealfall dar − so soll es sein.



Abb. Himmelsäquator und Sonnenbahn
Nun gibt es zwei Möglichkeiten: Ist realiter der zeitliche Abstand zwischen Equinox-Zeitpunkt und Jahresanfang nicht größer als 15 Tage, wird der laufende Monat zu Monat 1 ("Adar") erklärt. Dann handelt es sich um ein 'gewöhnliches' Jahr mit 364 Tagen − es gilt also die auf dem Zettel angegebene Jahreslänge.
Oder der zeitliche Abstand zwischen Equinox-Zeitpunkt und Jahresanfang ist größer als 15 Tage, dann wird ein dreizehnter Monat erklärt, der Beginn des neuen Jahres verzögert sich also um einen Monat und die Jahreslängen-Angabe auf dem Zettel gilt hier nicht. Der Monat 1 im Schaltjahr heißt Adar I oder Adar aleph, der eingefügte 13. Monat heißt Adar II oder Adar beth.

(Zu beachten ist, dass das Kalender-System des Gemäldes nicht dem heute gültigen jüdischen Kalender entspricht.)



Abb. Gewöhnliches Jahr und Schaltjahr




Abb. 13. Mond als 13. Monat
Der 13. Monat

Das Wort "Monat" geht etymologisch auf indogermanisch * menot- "Mond; Mondwechsel, Monat" zurück (vgl. Duden Herkunftswörter- buch).

Symbolforscher Manfred Lurker führt in seinem "Wörterbuch der Symbo- lik" aus, dass die Mondphasen oder die zyklische Bewegung des Mondes von einer Spirale dargestellt werden können (vgl. Stichwort "Mondsym- bolik" u. "Spirale").

Die dargestellte Messlinie beginnt im dunklen Punkt der rechten oberen Zettelecke, dem 36. Inventar-Element, kreuzt dann die senkrechte innere Rahmenkante, wodurch zwei einander gegenüberliegende 18-Grad-Winkel entstehen, und endet im Zentrum des weißen Kreises der Holznagel-Oberseite.
Zerlegt man die Zahlen im Verlauf der Linie in Faktoren, fällt eine Gemeinsamkeit auf, nämlich dass sie den Faktor sechs enthalten (36 = 6x6; 18 = 3x6).

Fasst man nun den ersten Faktor als Anzahl auf und den zweiten Faktor − die Sechs −, Lurker folgend, als Spiralfigur und somit als Mondsymbol, ergibt sich in der Addition der jeweils ersten Faktoren die Summe Zwölf (Abb. ). So interpretiert, repräsentiert die Linie also zwölf Monde. Sie mündet in die kreisrunde, weiße Fläche des Holznagels, die ebenfalls als Mond aufgefasst werden kann. Hinter den zwölf Monden positioniert, stellt die Kreisfläche einen (betonten) dreizehnten Mond dar, der für den dreizehnten Monat des Schaltjahres des jüdischen Kalenders steht.



Jüdische und christliche Woche
Zählt man die Metallnägel in 'konventioneller' Reihenfolge, also in 12-Uhr-Postion beginnend im Uhrzeigersinn, ergibt sich eine Wochentags-Abfolge von Montag nach Sonntag, die der christlichen Kalenderzählung entspricht. Dabei harmoniert die besondere Repräsentantion des Sonntags durch das (gegenüber den Metallnägeln) größere und dem Bildzentrum näherliegende Sonnenzeichen mit der größeren Bedeutung des Sonntags als Feier- und Ruhetag gegenüber den 'gewöhnlichen' Wochentagen.

Im jüdischen Kalender dagegen beginnt die Woche mit dem Sonntag. Der Samstag bildet den Schluss der Woche als Sabbattag. Immerhin ist der diesem besonderen Tag zugeordnete Metallnagel höher platziert als die übrigen und scheint auch am hellsten zu leuchten. "Planet der Juden " (von Stuckrad, S. 470)










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 1  Ich verwende nicht die Bezeichnung Cartellino, weil das Papierstück weder den Namen des Malers noch das Herstellungsjahr des Gemäldes oder ein Motto verzeichnet (vgl. Definition der britischen National Gallery: Link).
 2  Vgl. Statens Museum for Kunst, Wikimedia. Abweichend Wikipedia 66,6 cm.
 3  Etwa "Stilleben mit Selbstbildnis" (1663) oder "Trompe l'oeil with Studio Wall and Vanitas Still Life" (1668)
 4  Text nach der Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift. Katholische Bibelanstalt, Stuttgart, 1980.
 5  Diese Benennung und Zuordnung geht angeblich auf Agrippa von Nettesheim (1486−1535) zurück (vgl. Wikipedia, Magisches Quadrat). Ein Magisches 4 × 4-Quadrat findet sich auf Dürers berühmtem Kupferstich Melencolia I (1514).
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